Erdwerk im Stahlwerk (2019/01)

Östlich der Stadt Andernach (Kreis Mayen-Koblenz) wurde bei archäologischen Untersuchungen im Vorfeld von Erdarbeiten im Firmengelände der thyssenkrupp Rasselstein GmbH ein bisher unbekanntes Erdwerk der jungsteinzeitlichen Michelsberger Kultur (ca. 4.400 –3.600 v. Chr.) entdeckt.

Der Fundplatz liegt auf dem linken Rheinufer nördlich eines verlandeten Nebenarms nahe der heutigen Mündung der Nette in den Rhein. Freigelegt wurde ein rund 130 m langer Abschnitt des Erdwerks mit drei aneinandergereihten bogenförmigen Grabensegmenten und dazwischen zwei Unterbrechungen. Die drei Gräben hatten einen annähernd U-förmigen Querschnitt, waren bis zu 3,9 m breit und reichten noch 1,50-2,00 m tief unter die heutige Oberfläche. Die beiden durchlassartigen Unterbrechungen zwischen den Grabenstücken waren 5,1 bzw. 5,7 m breit. Spuren eines aus dem Grabenaushub aufgeworfenen Walls oder einer Palisade sowie im Bereich der Unterbrechungen Anzeichen von Toreinbauten wurden nicht gefunden. Sie waren vielleicht durch Bodenerosion abgetragen. Im anzunehmenden Innenbereich des Erdwerks, zwischen den Gräben und dem Rheinufer, wurden noch mehrere Gruben festgestellt. Zahlreiche zerbrochene Keramikgefäße und Steinartefakte, darunter eine auffällige 18 cm lange dolchartige Spitzklinge aus Kreidefeuerstein vom Typ Rijckholt, stammen vor allem aus den Gräben des Erdwerks und aus einer der Grubenfüllungen. Noch unbekannt ist der weitere Verlauf der Gräben des Andernacher Erdwerks. In Anbetracht der heutigen Geländesituation könnten die Gräben halbkreisförmig weitergeführt bis zum Rhein im Osten ein Geländeareal von etwa 8 ha Fläche umschlossen haben. Dies entspricht der Fläche eines durchschnittlichen Michelsberger Erdwerks.

Nur 4,5 km entfernt rheinaufwärts befand sich das berühmte michelsbergerzeitliche Erdwerk von Urmitz, das mit über 90 ha Innenfläche größte Grabenwerk dieser Zeit überhaupt. Detaillierte chronologische Untersuchungen der geborgenen Funde müssen nun zeigen, inwieweit die beiden Anlagen zeitgleich innerhalb der Michelsberger Kultur bestanden haben. Die Lage der beiden Erdwerke direkt am Rheinufer lässt generell die schon frühere Bedeutung des Rheins als Wasserweg für den gegenseitigen Austausch erkennen. Die großen Erdwerke selbst mit den auffallend oft unterbrochenen Gräben erfüllten nach dem heutigen Forschungsstand eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Sie waren weniger als befestigte Schutzanlagen gedacht als vielmehr wohl gemeinschaftlich errichtete Versammlungsplätze etwa für Rituale, Feste oder Märkte.
Text: Cliff A. Jost, GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz

Abbildungen:

Abb. 1a

Abb. 1a

Andernach. Reliefdarstellung mit Eintragung des Erdwerkes auf dem linken Rheinufer. Blau eingezeichnet sind die aktuell festgestellten Grabensegmente, weiß der aufgrund der topographischen Situation mögliche weitere Verlauf der Grabenanlagen. Grafik: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz/A.Schmidt
Abb. 1b

Abb. 1b

Andernach. Luftbild mit Eintragung des Erdwerkes auf dem linken Rheinufer. Blau eingezeichnet sind die aktuell festgestellten Grabensegmente, weiß der aufgrund der topographischen Situation mögliche weitere Verlauf der Grabenanlagen. Foto/Grafik: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz/A.Schmidt
Abb. 2

Abb. 2

Andernach. Auswahl von Silexgeräten aus den Abbaugebieten der Maasregion mit den Kreidefeuersteinwerken von Spiennes und Rijckholt-St. Geertruid in Belgien und den Niederlanden. Länge der Spitzklinge rechts: 18 cm. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz/M. Neumann

 

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