Synagoge beim Tunnelbau freigelegt (2018/11)

In Diez, Rhein-Lahn-Kreis, laufen zurzeit Arbeiten für einen großen Tunnelbau, der die Diezer Innenstadt vom Verkehr entlasten soll. Betroffen von den Bauarbeiten war auch das Grundstück „Kanalstraße 9“ nahe der Mündung der Aar in die Lahn, auf dem zwischen 1863 und 1951 die nach den Plänen des herzoglich-nassauischen Oberbaurates Carl Boos errichtete Synagoge stand.

Das zweistöckige, im neuromanischen Stil erbaute Gebäude war sicher einer der stattlichsten Synagogenbauten am Mittelrhein. Während der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 wurden vor allem der Innenraum und das Mobiliar beschädigt bzw. zerstört. Seit 1945 befand sich die Synagoge im Besitz des Jewish Trust, der das Gebäude 1951 auf Abbruch verkaufte. Danach wurde auf dem Gelände ein Bauhof errichtet.

Da keine detaillierten Bau- oder Lagepläne überliefert sind, wurde eine archäologische Untersuchung des Grundstücks im Vorfeld der Baumaßnahme beschlossen. Durch neuzeitliche Kanalleitungen war es aber nur möglich, etwa die Hälfte des Gebäudes zu untersuchen.

Ein besonderer Fokus der Grabungen lag auf dem Innenraum der Synagoge, da die Außenfassade zwar von alten Fotos und Postkarten bekannt war. Über den Ausbau des Gebäudeinnern wusste man jedoch so gut wie nichts. Unmittelbar unter dem Asphalt traten die massiven Fundamentmauern der Synagoge mit einem rechteckigen, von Nordwesten nach Südosten orientierten Grundriss mit 13,9 m x 11,0 m zutage. An der Südostseite schloss sich ein schmaler Anbau an, so dass die Gesamtlänge des Baukörpers 16,8 m maß. Im Inneren fanden sich nahe der Westmauer zwei massive Pfeilerfundamente, die offenbar die sog. Frauenempore trugen. In der Südostwand, also der nach Jerusalem orientierten Wand, konnten die Fundamente einer halbrunden Tora-Nische festgestellt werden. In dieser befand sich ehedem das Allerheiligste der Synagoge, nämlich der Toraschrein, in dem die Torarollen aufbewahrt wurden. Fundstücke aus der Nutzungszeit der Synagoge wurden bis auf wenige Fragmente von weißem und blauem Fensterglas nicht gemacht. Inwieweit bauliche Reste der Synagoge im Boden erhalten bleiben können bzw. welche Form der Erinnerung an die einst lebendige jüdische Gemeinde in Diez an diesem Platz gewählt wird, muss noch entschieden werden.
Text: C.A. Jost, J. Schamper, GDKE, Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz

Abbildungen:

Abb. 1

Abb. 1

Diez. Unmittelbar unter dem Asphalt liegen die etwa zur Hälfte freigelegten Grundmauern der Synagoge. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz/J. Schamper
Abb. 2

Abb. 2

Diez. Fundamente der Tora-Nische in der Südostwand der Synagoge. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz/J. Schamper
Abb. 3

Abb. 3

Diez. Westansicht der Synagoge kurz vor dem Abriss 1951. Foto: Stadtarchiv Diez

Copyright © Gesellschaft für Archäologie an Mittelrhein und Mosel e.V. - Alle Rechte vorbehalten