Wenn einer was auf dem Kerbstein hat – frühe Kelten in Remagen (2018/08)

Bei archäologischen Untersuchungen vor dem Bau eines neuen Studentenwohnheims am RheinAhrCampus der Hochschule Koblenz in Remagen, Kreis Ahrweiler, wurden im März 2018 die Reste einer ländlichen Siedlung der frühkeltischen Hunsrück-Eifel-Kultur (HEK) aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. angetroffen.

Solche Ansiedlungen der älteren Eisenzeit, meist waren es kleine Gehöfte und Einzelhöfe, deren wirtschaftliche Grundlage Ackerbau und Viehhaltung waren, sind bisher vor allem im östlichen Verbreitungsraum der HEK im Mittelrheinischen Becken, was das Neuwieder Becken und die Landschaften von Maifeld und Pellenz einbezieht, in großer Anzahl zum Vorschein gekommen. In der Talweitung links des Rheins zwischen Bad Breisig und Remagen, die aufgrund ihrer fruchtbaren Auelehmböden als „Goldene Meile“ bekannt ist, waren solche Siedlungen bislang nicht belegt. Dies verwundert, da das Gebiet neben den günstigen Boden- und Klimaverhältnissen auch für den Handel ideale Verkehrsverbindungen bot und zwar den Rhein mit seinen Nebenflüssen und das sicherlich schon in vorgeschichtlicher Zeit gut ausgebildete linksrheinische Wegenetz u.a. mit der wichtigen Fernverbindung längs des Rheins vom Oberen Mittel- zum Niederrhein. Rheinabwärts, besonders im südöstlichen Bereich der Köln-Bonner Bucht, gibt es wieder mehrere Nachweise für ältereisenzeitliche Siedlungen, deren Fundmaterial zudem deutliche Einflüsse der HEK erkennen lässt.

Der Siedlungsplatz bei Remagen war rund 500 m vom heutigen Flussufer entfernt auf der hochwasserfreien Niederterrasse des Rheins angelegt. Wegen großer Verluste an alter Oberfläche von mehr als anderthalb Metern vor allem durch Bodenerosion und die jahrhundertelange Nutzung als Ackerland konnten nur noch die letzten Reste der Siedlung in Form von zwei ehemals tief in den Untergrund reichenden Siedlungsgruben festgestellt werden. Die daraus stammenden zahlreichen Keramikbruchstücke lassen sich eindeutig der älteren Phase der HEK entsprechend der überregionalen Zeitstufe Hallstatt D (6. Jh. v. Chr.) zuordnen. Ein auffälliges Fundstück ist ein kleiner länglicher Wetzstein zum Schärfen von Messerklingen, der außer deutlichen Schleifspuren an den Kanten mehrere quer verlaufende Kerbmarkierungen aufweist. Sinn und Zweck der Einkerbungen sind unklar. Vielleicht wurde der Stein zugleich als eine Art Kerbholz verwendet, bei dem die Kerben Zahlenwerte darstellten oder als Gedächtnisstütze dienten.

[Der neu entdeckte Siedlungsplatz bei Remagen schließt eine Fundlücke im Verbreitungsbild der HEK. Weitere Einblicke in das eisenzeitliche Siedlungswesen in dem Gebiet sind hier bei archäologischen Untersuchungen im Vorfeld zukünftiger Bauvorhaben in der Region zu erwarten, so schon bald bei dem geplanten Hotelkomplex nahe der berühmten ehemaligen Ludendorff-Brücke (Brücke von Remagen), auf der 1945 der US-Army der Übergang über den Rhein gelang.]
Text: Cliff A. Jost, GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz

Abbildungen:

Abb. 1

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Remagen. Auswahl von Funden aus einer Siedlungsgrube der Älteren Hunsrück-Eifel-Kultur. Charakteristisch sind Keramikbruchstücke von feinkeramischen Schalen mit leicht einbiegendem Rand und von Schüsseln mit ausbiegendem Rand, die manchmal auf der unteren Gefäßwandung eine Kammstrichverzierung aufweisen. Dazu kommen gebauchte Grobkeramiktöpfe mit einer im oberen Gefäßbereich angebrachten Verzierung aus dicht angeordneten Fingertupfeneindrücken. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz/M. Neumann
Abb. 2 a

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Remagen. Kleiner Wetzstein mit Schleifspuren und zahlreichen Kerbmarkierungen an den Kanten. Länge 8,1 cm. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz/M. Neumann
Abb. 2 b

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Remagen. Kleiner Wetzstein mit Schleifspuren und zahlreichen Kerbmarkierungen an den Kanten. Länge 8,1 cm. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz/M. Neumann
Abb. 2 c

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Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz/M. Neumann
Abb. 2 d

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Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz/M. Neumann

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